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Mittwoch, 4. Mai 2016

UNorthodox

Deborah Feldman, die heute mit ihrem Sohn in Berlin lebt, beschreibt in ihrem autobiographischen Roman "Unorthodox" ihre Kindheit, Jugend und schließlich ihren Ausbruch aus der strenggläubigen, chassidischen Satmarer Gemeinde in Williamsburg/New York.
Der Ursprung dieser ultraorthodoxen jüdischen Sekte geht zurück auf die Lehren eines ungarischen Rabbis am Beginn des 20.Jahrhunderts und orientiert sich in Lehre und Lebensweise an den altjüdischen Traditionen der osteuropäischen Schtetl. Ein zentrales Motiv ist die Ablehnung des Zionismus; der Irrsinn gipfelt in der in der Deutung des Holocausts :

"Wir lernen in der Schule, Gott habe Hitler gesandt, um die Juden dafür zu bestrafen, sich selbst erleuchtet zu haben. Er kam, um uns zu reinigen, um alle assimilierten Juden zu vernichten, alle frejen Juden, die dachten, sie könnten sich selbst vom Joch, die Auserwählten zu sein, befreien. Nun büßen wir für deren Sünden."

Kurzum, eine vollkommen fremde Welt im Big Apple, dem Symbol für Moderne und Fortschritt; paradox ! Ein treffenderes Beispiel für eine Parallelgesellschaft kann es nicht geben.
Vorschriften, Gebote, Repressionen, Tabus, Verhaltensmassregeln. 
Unterdrückung von Frauen und Kindern.
Kein Kontakt zu Nicht-Sektenmitgliedern, schon gar nicht zu Nichtjuden.
Kein Englisch sondern nur Jiddisch.
Kein direkter Blickkontakt zwischen Männern und Frauen undundund -  
alles, was  bei den Fundamentalisten jedweder Couleur unter den Deckmantel der Frömmigkeit passt....


schon aus Protest NUR mit Alkohol....
Es ist eine bizarre Welt aus der sich Deborah Feldman dank ihres Wissenshungers und nicht zuletzt ihrer Liebe zur Literatur schließlich befreien kann. Der Preis dafür ist der totale Bruch mit ihrer Familie und ihrem bisherigen Leben. Wer die Satmarer verlässt, ist ein Ausgestoßener.
Im Nachwort schreibt sie :

"Eine Religion, eine Gemeinschaft und eine Familie zu verlassen, hat einen hohen Preis. Ich musste lernen, Ruhe zu finden, selbst im Angesicht von Hass und Beschimpfungen aus meiner ehemaligen Gemeinschaft. Ich zog mich schließlich auf dieselben Hilfsquellen zurück, auf die ich auch als Kind angewiesen war; ich las Bücher, und die Geschichten dienten mir als Nahrung, die mir half, durch diese harten Zeiten zu kommen."

Mrs. Feldman hat ein faszinierendes, aufwühlendes Buch geschrieben, dem man nicht einfach nur viele Leser , sondern dem man auch die "richtigen" wünscht. Aber wie immer, werden es die Verblendeten, die es so nötig hätten, natürlich nicht mit der sprichwörtlichen Kneifzange anfassen. Wünschen wir dem Buch also die größtmögliche Anzahl an Lesern, denen ein wenig Sensibilisierung für die Thematik gut täte. Ach ja, und glänzend geschrieben ist es außerdem.

Wer mehr Informationen möchte, hier gibt es noch einen interessanten Artikel über die Williamsburger Ultras.

Mein Fazit : GUT. WICHTIG. LESEN.



Deborah Feldman

Unorthodox


319 Seiten
Secession Verlag
978-3905951790

Dienstag, 3. Mai 2016

Bilderbuch für Große (& Kleinere sowieso)

Leider sind die Zeiten, in denen ich dank Kleinstinfantin im Haus in Bilderbüchern schwelgte, vorbei.
Derart illustrierte Bücher für die etwas erwachsenere Leserschaft sind eher selten, um so mehr freut mich die Neuauflage der Erzählung "Schischyphusch oder der Kellner meines Onkels" von Wolfgang Borchert im Atlantik Verlag mit den wunderbar zarten Illustrationen von Birgit Schössow :



Im Gesamtwerk von Borchert gibt es nicht viel zu lachen, ganz im Gegenteil. Sein kurzes Leben, geprägt von Diktatur, Krieg und Krankheit, spiegelt sich als  Grundtenor seiner Werke.
Auf die Forderung seiner Mutter hin, etwas Leichteres, Lustigeres zu schreiben, was seiner Gesundheit eher zuträglich sei, entstand die Geschichte rund um die Sprachfehler von Onkel und Kellner. 
Aber auch wenn die Erzählung der beiden grundverschiedenen Charaktere, vereint nur durch ihr "schschhhhhh", heiter und rührend daherkommt, ist das Grundmotiv wie fast immer bei Borchert ein Aufruf für die Menschlichkeit.

"Mein Onkel ergriff plötzlich mit seinen klobigen viereckigen Tatmenschenhänden die kleinen flatterigen Pfoten des Kellners und sagte mit der vitalen wütendkräftigen Gutmütigkeit und der tierhaft warmen Weisheit, die als primärer Wesenszug aller Riesen gilt :
"Armesch kleinesch Luder ! 
Schind schie schon scheit deiner Geburt hinter dir her und hetschen?""

Die Kirsche auf dem Kuchen des Genusses ist ein (bis unendlich viele) Zuhörer, denn dieser Text will gerne laut gelesen werden.
Abgesehen von der Lese-und Guckfreude an Schischyphusch, war dieses Buch Anlass, mich nach vielen Jahren nochmals mit dem Leben und Oeuvre Borcherts zu befassen. Es lohnt sich. Sehr.


Mein Fazit: Bitte mehr davon !





Wolfgang Borchert

Schischyphusch oder der Kellner meines Onkels


64 Seiten
Atlantik 
978-3455370348


Montag, 2. Mai 2016

upcycling mit Hemd & Mundstuhl

the artist formerly known as Herrenhemd ist fertiggestellt. 
Bei Überlegungen, wie es zu kombinieren sei (außer der obligatorischen "geht-immer-Bluse-in weiß), fiel das Groupieshirt mit Anlauf aus dem Schrank. Als alter Mundstuhlfan, kam ich beim letzten Programm im Herbst einfach nicht um dieses milkalila Fümmelchen herum. Allerdings hatte es aufgrund des figurnahen Schnittes, seines schilddrüsenquetsch halsnnahen Bündchenausschnitts und den kurzen Ärmeln Anmutungen eines Schulkindoutfits. Erstmal abgelegt in die Kategorie lustige Nachtbekleidung....
Mit Leoärmel und den armen Manschettenwaisen des artists formely-sie-wissen-schon und "appenem" Halsbündchen erscheint mir diese Kombi schon fast pradanös bis pradanesk; ich könnte mich damit noch heimlich von Hinten in den Prada-sew-along schleichen...


Und demnächst, wenn die Winterbeine nicht mehr allzu sehr nach weißem Wanderer (ich bin schon ganz fiebrig und spoilere jeden Montagmorgen, was in der 6.Staffel Game of Thrones passiert -  heute gibt es aus diesem Grund  noch Champagner für alle : ER LEBT !!!!!!!!!!) aussehen, hat die Heidi auch ein Foto für sie !

Freitag, 29. April 2016

the artist formerly known as Herrenhemd

Es kursieren bekanntermaßen Unmengen  Upcyclingideen durch das große Weltweite, mein Pinterest board quillt über. 
Besonders die Herrenhemdverwandlungen haben es mir angetan. Diese wunderbare Haptik nach dreihundertzwölfzig Wäschen und die klassischen Streifen- oder Karomuster, hachz.
Wie gut, daß  zuuhuufällig einige der Exemplare nach dem Frühjahrskleiderschrankputz den Weg an die Bügel nicht zurückfanden.
Die Umwandlung in Tragbares gestaltete sich allerdings doch nicht so einfach, wie es einige Tutorials versprachen, zumindest nicht, was meine Ansprüche an die Passform betrifft. Nach viel Probiererei und Auftrennen und neu heften, habe ich eine Lösung gefunden, die mir gefällt. 
Da keines der aussortierten Hemden eine Rückenfalte für die nötige Weite besaß, habe ich seitliche Keile eingesetzt um anstatt eines Bleistiftrockes eine leicht ausgestellte A-Linie zu erhalten. In den Bund wurde auf beiden Seiten ein Stück Gummi eingezogen, das ersparte die Abnäher.



Es fehlen noch Bundknopf und Gürtelschlaufen, aber dann hätte ich gerne Sommer !

Und jetzt, wo ich weiß , wie es geht, kann der Raubzug durch die Schränke der Y-Chromosomen-Träger beginnen !

Mittwoch, 27. April 2016

Ein Leben für und mit der Kunst

Dominique Vivant Denon, was ein Name, was ein Leben ! 

Dominique-Vivant Denon 1808, gemalt von Robert Lefèvre
Bildquelle : Wikipedia
In seiner Biographie "Der glückliche Kunsträuber" erzählt der Autor Reinhard Kaiser unterhaltsam, fundiert und facettenreich aus einer der spannnendsten Epochen europäischer Geschichte.



Denon, 1747 in der französischen Provinz geboren, kunstsinnig und begabt, zieht es bereits mit 16 Jahren nach Paris, wo er nicht nur Anschluss an die dortige Künstlerwelt knüpft, sondern auch 1768 zum Kammerherrn Ludwig XV. aufsteigt und seine diplomatische Karriere betreibt. Über Stationen in St.Petersburg und Neapel, landet er 1788, kurz vor den Wirren der französischen Revolution, in Venedig und trifft dort auf seine große, lebensbegleitende Liebe (immer mit anderen Männern verheiratet!!) Elisabetta Teotochi Marin:

Gemälde von Elisabeth Vigée-Lebrun
Bildquelle : wikipedia
Aus sicherer Entfernung übersteht er die ersten Jahre der Revolution und macht Bekanntschaften mit bedeutenden Persönlichkeiten, die  ihm in seiner späteren Tätigkeit als Direktor des Louvre noch nützlich sein werden. Und wie könnte es anders sein, auch unseren bekannten Italienreisenden, den Geheimrat aus Weimar trifft er .....
Nach Frankreich zurückgekehrt, betätigt er sich mit einigem Erfolg als Graveur und macht schließlich die Bekanntschaft von Josephine de Beauharnais, der späteren Kaiserin.
Beziehungen sind bekanntlich alles und so gelangt Denon 1798 mit Napoleon bis nach Ägypten und übt sich schon hier im glücklichen kunsträubern.
Als Protegé des Kaisers wird er 1802 zum Directeur général du Musée central des Arts, dem  heutigen Louvre und folgt seinem Kaiser quer durch Europa um Unmengen Beutekunst einzusammeln und diese größtenteils und schweren Herzens 1815 wieder an die rechtmäßigen Besitzer abzutreten.

Denon , ein Bonvivant, ein Kunstverrückter, ein Mann mit Stil , Eleganz und Bildung. Seine Lebensbeschreibung ist ein grandioser Einblick in die Geschichte der Zeit und allem voran auch der Geschichte des Louvre, das es ohne die französische Revolution vielleicht gar nicht geben würde.
Wenn die Lektüre eines Buches  dazu verleitet, von einem Begriff und Namen zum nächsten zu googeln um immer noch mehr wissen zu wollen, was geht mehr ?

Mein Fazit : Wer Biographien mag, der sollte sich den glücklichen Kunsträuber keinesfalls entgehen lassen !



Reinhard Kaiser

Der glückliche Kunsträuber


399 Seiten
C.H.Beck
978-3406688782

Freitag, 22. April 2016

Die Ziehung der Lottozahlen...

....ist das NICHT.



Herzlichen Glückwunsch, liebe Namensschwester, bitte melden !

Mittwoch, 20. April 2016

Die Mutter meiner Mutter

Kosakenberg, allein für den Namen des Dorfes liebe ich dieses Buch !



In Sabine Rennefanz` Roman erzählt  die Enkelin die Geschichte der Mutter ihrer Mutter, denn eine Großmutter  im besten Sinne war sie nie...
Sie war kalt, herzlos und schrullig und damit das genaue Gegenteil des geliebten Großvaters.

"Meinen Großvater bewunderte ich, über meine Großmutter wunderte ich mich nur."

Wie und warum sich dieses Bild im Laufe der Geschichte komplett verrückt erzählt die Autorin in ruhigen, klaren , teilweise distanzierten Worten. Alles beginnt mit dem Anruf der Mutter und den geflüsterten Worten :"Ich habe etwas über deinen Großvater herausgefunden."
Was folgt ist eine deutsche Nachkriegsgeschichte von Flucht, Vertreibung, Fremdsein, Gewalt und Schweigen - Parallelen zu heute drängen sich auf.
Es geschehen Ungeheuerlichkeiten, die damals nach dem überlebten Schrecken des Krieges scheinbar eine andere Wertigkeit hatten. Doch nichts davon bleibt ohne Folgen, für keines des Familienmitglieder...

Die Geschichte von Sabine Rennefanz Familie (ich vermute zumindest starke autobiographische Anleihen) ist tausendfach erzählt und für viele, in Variationen, auch Teil der eigenen Familiengeschichte. Das sie mich dennoch sehr gefesselt hat, liegt an der  stringenten Erzählweise und wunderbaren Bildern, die sich in meiner privaten Zitatenschublade im Kopf abgelegt haben :

"Auf den Steinen wird meist nur der Name eingraviert, dazu der Geburts- und Sterbetag, vom Dazwischen erzählt nur der Bindestrich."

Das Leben als Bindestrich - ich werde wohl keine Grabinschrift mehr betrachten ohne diesem Bindestrich besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Mein Fazit : ein kluges, berührendes Buch mit beklemmenden Bezügen zum aktuellen Zeitgeschehen



Sabine Rennefanz

Die Mutter meiner Mutter


256 Seiten
Luchterhand
978-3630874548